1. April 2015

Ja zu gleicher Bezahlung von Frauen und Männern

Männer verdienen in Deutschland im Durchschnitt 22 Prozent mehr als Frauen, hat das Statistische Bundesamt ermittelt. Die Zahl ist unstrittig.

Und unstrittig ist auch, dass dieser Umstand gesellschaftlich absolut unbefriedigend ist, weshalb auch jede politische Diskussion, wie die Lücke beseitigt werden kann, lohnend ist und zwingend geführt werden muss. Allerdings muss diese Debatte redlich geführt werden. Das heißt, es müssen die tatsächlichen Ursachen benannt und konkrete Lösungen dafür entwickelt werden. Das geplante Gesetz zur Entgeltgleichheit aus dem Hause von Bundesfrauenministerin Schwesig leistet gerade dies jedoch nicht.

Zunächst ist Fakt, dass der größte Teil dieser Entgeltlücke nicht, wie immer behauptet wird, auf Diskriminierung zurückzuführen ist. Denn bei der Ermittlung der Zahl werden schlicht auf der einen Seite alle Männerlöhne, auf der anderen alle Frauenlöhne addiert, dann durch die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden dividiert und miteinander verglichen. Unterschiedliche Tätigkeiten, Qualifikationen oder Erwerbsbiografien werden nicht berücksichtigt. Also werden im Grunde genommen Äpfel mit Birnen verglichen. Das Ergebnis überrascht nicht: Industriemechaniker (überwiegend Männer) verdienen mehr als Friseurinnen, Maurer mehr als Verkäuferinnen.

Werden diese Faktoren eliminiert, schrumpft die Entgeltlücke – wieder nach Berechnung der amtlichen Statistiker – auf weniger als ein Drittel, nämlich sieben Prozent. Letztlich sind also 15 Prozent der Lücke auf unterschiedliches Verhalten bei der Ausbildungs- und Berufswahl zurückzuführen. Männer wählen beispielsweise weit häufiger gut bezahlte technische Berufe in der Industrie, Frauen öfter weniger gut dotierte Berufe etwa in Sozial- oder Gesundheitsberufen. Dies lässt sich jedoch nicht per Gesetz ändern.

Auch für den größten Teil der verbleibenden sieben Prozent gibt es wissenschaftliche Erklärungen. So kommen die Forscher des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln zu dem Schluss, dass vor allem Frauen durch – oft unfreiwillig – längere, familienbedingte Auszeiten (Babypausen) in ihrer Karriere- und Entgeltentwicklung ausgebremst werden. Häufig erfolgt, aufgrund fehlender öffentlicher Kinderbetreuung, der berufliche Wiedereinstieg in Teilzeit, was die Karrierechancen und Verdienstmöglichkeiten erneut verschlechtert. Gegenüber gleichaltrigen Männern geraten sie in Punkto Berufserfahrung durch weniger Arbeitsvolumen ins Hintertreffen. Weitere fünf Prozent der Lücke schreiben die Forscher diesem Mechanismus zu. Auch er lässt sich nicht per Gesetz abschalten.

Bleibt festzuhalten: Von 22 Prozent Lücke sind 20 Prozent in allererster Linie auf unterschiedliches Berufswahlverhalten und verschlechterte Chancen aufgrund familiärer Auszeiten zurückzuführen. Und welche Lösung bietet die Politik? Ein Gesetz, das komplett an diesen Hauptursachen vorbeizielt. Ein Lohnschnüffelgesetz, das durch Auskunftsrechte für die Beschäftigten Lohntransparenz innerhalb einzelner Betriebe schaffen soll, die jedoch nur behauptet und nicht bewiesen wird. Ein Gesetz, das Betriebe unter den Generalverdacht der Diskriminierung stellt. Ein Gesetz, das für Betriebe ab 500 Mitarbeitern gelten soll, in denen in der Regel durch die Anwendung diskriminierungsfreier Tarifverträge eine faire Entgeltpraxis gewährleistet ist. Ministerin Schwesig beklagt zwar öffentlich, dass Altenpflegerinnen weniger verdienen als Maurer, und sie begründet damit ihr Gesetz. Dieses wird diese ungleiche Bezahlung aber nicht ändern, da Altenpflegerinnen und Maurer in den seltensten Fällen im selben Betrieb arbeiten.

Kritik an dem Gesetzesvorhaben des Bundesfrauenministeriums heißt keineswegs, die gesellschaftliche Debatte über die Entgeltlücke ins Abseits schieben zu wollen. Das Gegenteil ist richtig. Aus Sicht der Metall- und Elektroindustrie (M+E) muss diese Diskussion sogar sehr intensiv geführt werden, aber bitte redlich. In der Metallindustrie, die bekanntlich sehr gut bezahlt, arbeiten rund 80 Prozent Männer, nur 20 Prozent Frauen. Mit Blick auf die demografische Entwicklung hat die M+E-Industrie ein sehr großes Interesse, zusätzliche Potenziale zur Fachkräftesicherung zu erschließen. Das größte und am nächsten liegende Potenzial sind zweifellos die Frauen. Mit Diskriminierung lässt sich hier jedoch sicherlich kein Blumentopf gewinnen.

Deshalb bemüht sich die M+E-Industrie seit vielen Jahren intensiv, mit zahlreichen, bereits im Kindergarten ansetzenden Projekten, bei Mädchen und jungen Frauen Interesse für die Industrie, für eine Ausbildung in den sogenannten MINT-Disziplinen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik) zu gewinnen. Die Erfolge sind jedoch überschaubar. Immer noch liegt der Frauenanteil in den technischen M+E-Ausbildungsberufen unter zehn Prozent, in den technischen Studienfächern selten über 20 Prozent. In der Hitliste der beliebtesten Ausbildungsberufe rangieren bei den Jungen vier M+E-Berufe unter den Top-15. Bei den Mädchen taucht der erste M+E-Beruf auf Rang 47 auf.

Dieser Zustand ist absolut unbefriedigend. Wer ihn aber verändern will, muss dicke Bretter bohren. Er muss beispielsweise der Frage nachgehen, weshalb Mädchen im Alter von zehn Jahren beim PISA-Test in Mathematik fast genauso gut wie die gleichaltrigen Jungen abschneiden, fünf Jahre später jedoch deutlich an Boden verloren haben – und sich deshalb auch seltener für Berufe entscheiden, in denen Mathematik Grundvoraussetzung ist. Hier könnte eine kluge, langfristige Bildungs- und Gesellschaftspolitik weit mehr bewirken als eine unsinnige Symbolpolitik, die nur falsche Hoffnungen weckt und an den Zuständen nichts ändern wird.

Würde sich das Berufswahlverhalten der Geschlechter angleichen, würde auch ein großer Teil der Entgeltlücke verschwinden. Der Weg dorthin ist lang und mühsam. Wer ihn aber nicht beschreiten will, muss Alternativen benennen. Die einzig denkbare Alternative wäre jedoch, das Lohnniveau unterschiedlicher Berufe und Branchen anzugleichen.

Wie aber soll das funktionieren? Indem man etwa die gut bezahlende, von Männern dominierte Industrie zu jahrelangem Verzicht auf Lohnzuwächse verpflichtet, damit andere Branchen aufholen können? Diese Forderung wird wohl niemand ernsthaft aufstellen. Die Löhne von Verkäuferinnen (Rang 2 der beliebtesten Ausbildungsberufe bei Mädchen), Friseurinnen (Rang 7), Hotelfachfrauen (Rang 9) oder in den Gesundheits- und Sozialberufen auf Industrieniveau anheben? Auch dieser Versuch führt in die Sackgasse, solange die Kunden der entsprechenden Dienstleistungen nicht bereit sind, mehr zu bezahlen, oder etwa der öffentliche Dienst, der Gesundheits- und Pflegebereich von der Alimentierung aus stets klammen öffentlichen Kassen abhängt.

Im Übrigen ist der Wunsch nach einer solchen Gleichmacherei in einer – auch sozialen – Marktwirtschaft gänzlich unpassend. Denn hier gilt der Grundsatz gleicher Vergütung nur für gleiche Arbeit, nicht aber bei vergleichbaren Anforderungen. Wenn Frau und Mann dasselbe tun, müssen sie dasselbe verdienen. Aber schon das gilt nur innerhalb eines Unternehmens und schon nicht mehr zwischen unterschiedlichen Unternehmen derselben Branche. Redliche Politik sollte deutlich machen, dass sich so etwas nicht per Gesetz herbeiführen lässt. Wer es dennoch verändern will, sollte auch offen sagen, dass er damit die soziale Marktwirtschaft aushebeln will.

Genauso lohnenswert wäre es, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie weiter voranzubringen. Sicherlich, hier ist in den letzten Jahren viel geschehen. Aber um jungen Müttern eine Vollzeitbeschäftigung zu ermöglichen, reicht eben eine „Ganztagesbetreuung", die um 8 Uhr beginnt und um 16 Uhr endet, in vielen Fällen nicht aus. Auch dieser Weg ist mühsam und lang. Aber hier hat es die Politik selbst in der Hand zu handeln, statt mit dem Finger immer auf „die Wirtschaft" zu zeigen, statt die Probleme und Herausforderungen auf die Unternehmen abzuwälzen und die Betriebe mit politischen Scheinlösungen zu belasten, die mehr Nebenwirkungen als Wirkung entfalten werden.