30. März 2021

Rheinland-pfälzische Wirtschaft schrumpft um 4,5 Prozent

Die Corona-Pandemie hat 2020 tiefe Spuren in der rheinland-pfälzischen Wirtschaft hinterlassen. „Preisbereinigt nahm das Bruttoinlandsprodukt um 4,5 Prozent ab", verkündet Marcel Hürter, der Präsident des Statistischen Landesamtes in Bad Ems. Die Pandemie und die Schutzmaßnahmen zu ihrer Eindämmung führten zu dem zweitgrößten Einbruch der Wirtschaftsleistung in der Nachkriegsgeschichte. Nur im Jahr 2009 – dem Höhepunkt der Finanz- und Weltwirtschaftskrise – sank das Bruttoinlandsprodukt stärker (Rheinland-Pfalz -5,0 %, Deutschland: -5,7 %). Der Rückgang der Wirtschaftsleistung fiel schwächer aus als in Deutschland (-4,9 %) und in den westdeutschen Bundesländern ohne Berlin (-5,1 %).

In jeweiligen Preisen belief sich das Bruttoinlandsprodukt 2020 auf 142 Milliarden Euro (-4,5 Mrd Euro bzw. -3,0 % gegenüber 2019). Der Anteil von Rheinland-Pfalz am deutschen Bruttoinlandsprodukt beläuft sich damit auf 4,3 Prozent.

Deutliche Einbußen in der Wertschöpfung der Industrie
Besonders stark ist die Industrie von der Pandemie betroffen. Verglichen mit dem Vorjahr ging die Wirtschaftsleistung des Verarbeitenden Gewerbes preisbereinigt um 10,7 Prozent zurück (D: -10,5 %). Aufgrund des hohen Anteils an der gesamten Wirtschaftsleistung (22 %) belief sich der Beitrag der Industrie zur Schrumpfung der rheinland-pfälzischen Wirtschaft auf 2,6 Prozentpunkte. „Die Wirtschaftsleistung ging in fast allen Branchen des Verarbeitenden Gewerbes zurück", erläutert Marcel Hürter. In den vier bedeutendsten Industriebranchen (Chemieindustrie, Herstellung von Kraftwagen- und Kraftwagenteilen, Maschinenbau sowie Metallerzeugung und -bearbeitung) lag der prozentuale Rückgang der preisbereinigten Bruttowertschöpfung im zweistelligen Bereich. Die rheinland-pfälzische Industrie belastete besonders die Unterbrechung von Lieferketten sowie der massive Rückgang der in- und ausländischen Nachfrage während der ersten Infektionswelle im zweiten Quartal 2020.

Wirtschaftsleistung der Dienstleistungsbereiche schrumpft ebenfalls kräftig
Auch die Dienstleistungsbereiche waren von der Pandemie stark betroffen, und zwar insbesondere die kontaktintensiven Dienstleistungsbereiche (z. B. das Gastgewerbe), die im Frühjahr und am Jahresende vom Lockdown betroffen waren. Die Bruttowertschöpfung der Dienstleistungsbereiche, die einen Anteil von 66 Prozent an der gesamten Wertschöpfung haben, schrumpfte preisbereinigt um 4,0 Prozent (D: -4,3 %). Bedingt durch den hohen Wertschöpfungsanteil trugen die Dienstleistungsbereiche mit minus 2,6 Prozentpunkten genauso stark zur Schrumpfung der rheinland-pfälzischen Bruttowertschöpfung bei wie die Industrie.

Den größten Einbruch der Dienstleistungsbereiche verzeichnete der Teilsektor „Handel, Verkehr, Gastgewerbe, Information und Kommunikation". Im Berichtsjahr verringerte sich die Wertschöpfung preisbereinigt um 4,1 Prozent (D: -4,9 %). Besonders im Gastgewerbe kam es zu einem deutlichen Einbruch der Wirtschaftsleistung. Auch im Bereich „Öffentliche und sonstige Dienstleister, Erziehung und Gesundheit" ging die Wertschöpfung mit einem Minus von 4,6 Prozent merklich zurück (D: -4,4 %). Im Teilsektor „Finanz-, Versicherungs- und Unternehmensdienstleister; Grundstücks- und Wohnungswesen" fiel der Rückgang der Wirtschaftsleistung etwas schwächer aus (-3,1 %; D: -3,8 %). Innerhalb dieses Teilbereichs schrumpfte der Bereich „Unternehmensdienstleister" mit einem Minus von 7,8 Prozent am kräftigsten (D: -8,1 %).

Wertschöpfung im Baugewerbe nimmt zu
Das Baugewerbe wurde von der Pandemie und den Maßnahmen zur Eindämmung kaum getroffen. Verglichen mit dem Vorjahr wuchs die Wirtschaftsleistung sogar, und zwar preisbereinigt um 5,5 Prozent (D: +2,8 %). Das war der kräftigste Anstieg der Bruttowertschöpfung des Baugewerbes seit zehn Jahren. Wegen des vergleichsweise geringen Anteils an der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung (6,7 % D: 6,1 %) bremste das gute Ergebnis des Baugewerbes den Rückgang der rheinland-pfälzischen Wirtschaftsleistung aber nur wenig ab (0,3 Prozentpunkte).

Landwirtschaft mit einem Plus
Nach dem kräftigen Rückgang der preisbereinigten Wirtschaftsleistung 2019 um 16,3 Prozent konnte der Bereich „Land- und Forstwirtschaft, Fischerei" 2020 ein leichtes Plus verbuchen. Verglichen mit dem Vorjahr stieg die Wirtschaftsleistung des primären Sektors preisbereinigt um 2,1 Prozent (D: -0,7 %). In jeweiligen Preisen sank die Wirtschaftsleistung um 6,6 Prozent (D: -11,3 %). Ein deutlicher Rückgang der Güterpreise des primären Sektors zum Vorjahr ist Ursache für diese große Diskrepanz der realen und der nominalen Entwicklung.

Erwerbstätigkeit erstmals seit zehn Jahren rückläufig
Die Zahl der Erwerbstätigen erreichte in den vergangenen Jahren neue Höchststände. Im Jahr 2019 arbeiteten durchschnittlich 2,05 Millionen Erwerbstätige in Rheinland-Pfalz. Aufgrund des starken pandemiebedingten Einbruchs schrumpfte die Zahl der Erwerbstätigen 2020 erstmals seit zehn Jahren und lag im Jahresdurchschnitt bei 2,02 Millionen. Verglichen mit dem Vorjahr hatten 2020 etwa 28.800 Personen weniger ihren Arbeitsort in Rheinland-Pfalz (-1,4 %; D -1,1 %). In der Finanz- und Weltwirtschaftskrise 2009 ging die Erwerbstätigkeit nur um 0,1 Prozent zurück. Von dem pandemiebedingten Einbruch ist – anders als in der Krise 2009 – auch der Dienstleistungssektor im starkem Maße betroffen. Im rheinland-pfälzischen Dienstleistungssektor arbeiten fast 73 Prozent aller Erwerbstätigen.

Ein noch stärkerer Einbruch der Erwerbstätigkeit konnte wohl durch die massive Ausweitung der Kurzarbeit verhindert werden. Diese besonders in der Industrie und den Dienstleistungsbereichen eingesetzte arbeitsmarktpolitische Maßnahme sowie Ausfallzeiten durch Geschäftsschließungen im Zuge der Lockdowns und krankheits- oder quarantänebedingte Arbeitsausfälle sorgten für einen historischen Rückgang des Arbeitsvolumens. Das Arbeitsvolumen, also die tatsächlich geleisteten Arbeitsstunden aller Erwerbstätigen, schrumpfte 2020 um 4,6 Prozent (auf knapp 2,64 Mrd Arbeitsstunden D: -4,7 %). Je Erwerbstätigen wurden durchschnittlich nur noch 1.307 Stunden geleistet (-3,3 %); in Deutschland waren es mit 1.332 Stunden 25 Stunden mehr. Im Ländervergleich ist allerdings zu beachten, dass Rheinland-Pfalz den höchsten Anteil an marginal Beschäftigten aufweist. Auch die Teilzeitquote der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten liegt über dem Bundesdurchschnitt.

Arbeitsproduktivität nahezu konstant
Da das Arbeitsvolumen in Rheinland-Pfalz etwas stärker schrumpfte als das reale Bruttoinlandsprodukt, nahm die Arbeitsproduktivität, gemessen als preisbereinigtes Bruttoinlandsprodukt je Arbeitsstunde, im Berichtsjahr leicht zu, und zwar um 0,2 Prozent (D: -0,2 %). Je Erwerbstätigenstunde wurden in Rheinland-Pfalz 2020 in jeweiligen Preisen 53,73 Euro erwirtschaftet. In Deutschland war das Bruttoinlandsprodukt je Arbeitsstunde um 2,15 Euro und in den westdeutschen Bundesländern ohne Berlin um 3,97 Euro höher.

(Quelle: Statistisches Landesamt Rheinland-Pfalz)