Fachkräfteengpässe

Deutschland besitzt ein strukturelles Fachkräftedefizit, das durch Mängel im Bildungssystem und den demografischen Wandel noch gravierend verschärft wird. Vor allem im Bereich der Hochqualifizierten sind Fachkräfteengpässe bereits heute deutlich spürbar. Zur Sicherung des Fachkräftebedarfs ist deswegen eine in sich schlüssige, kurz- und langfristig wirksame Gesamtstrategie notwendig.

Wachsende Fachkräfteengpässe gefährden Wohlstand und Arbeitsplätze

Insgesamt könnten bis 2035 rd. 4 Mio. Arbeitskräfte fehlen, bereits 2020 wird die Lücke bei 1,7 Mio. liegen (Prognos, 2013). Der Wohlstand in Deutschland wird dadurch massiv gefährdet, denn es drohen Wertschöpfungsverluste in Milliardenhöhe und hohe Risiken für den Wirtschaftsstandort. Um dem entgegenzuwirken, müssen weitere Maßnahmen ergriffen werden, die die Erwerbsbeteiligung vor allem von Frauen, Älteren, Migranten und Menschen mit Behinderung erhöhen, das Bildungsniveau anheben sowie dazu beitragen, dass Deutschland für qualifizierte Fachkräfte auch aus dem Ausland noch attraktiver wird.

Erwerbsbeteiligung von Frauen und Älteren weiter erhöhen

Obgleich die Erwerbstätigenquote von Frauen (20- bis 64-Jährige) in den letzten Jahren deutlich zugenommen hat (2000: 60,7%, 2012: 71,5%; Eurostat, 2013), gibt es noch erhebliche Entwicklungspotenziale, vor allem im Hinblick auf mehr Vollzeit(nahe)-Beschäftigung, wenn insbesondere die Kinderbetreuungsinfrastruktur und das Angebot an Ganztagsschulen bedarfsgerecht ausgebaut wird. Auch die Erwerbstätigenquote Älterer (55- bis 64-Jährige) ist in den letzten Jahren kräftig gestiegen (2000: 37,4%, 2012: 61,5%; Eurostat, 2013). Nicht zuletzt mit Blick auf den voranschreitenden demografischen Wandel sind die Unternehmen aber künftig noch stärker auf die Kenntnisse und Fähigkeiten älterer Arbeitnehmer angewiesen. Dafür müssen an der im Jahr 2012 begonnenen, schrittweisen Anhebung des gesetzlichen Renteneintrittsalters auf 67 Jahre festgehalten und noch bestehende Frühverrentungsanreize im Arbeitsförderungsrecht und im Bereich der Rentenversicherung abgebaut und erfolgreiche, praxistaugliche Maßnahmen zum Erhalt der Beschäftigungsfähigkeit bis ins Alter noch stärker bei Beschäftigten und Unternehmen verbreitet werden.

Potenziale von Migranten besser erschließen

Um die Potenziale von Menschen mit Migrationshintergrund besser zu erschließen, müssen diese gezielter gefördert und zudem Wege gefunden werden, im Ausland erworbene Qualifikationen für den deutschen Arbeitsmarkt besser verwertbar zu machen. Das Gesetz zur Verbesserung der Feststellung und Anerkennung im Ausland erworbener Berufsqualifikationen, das das Verfahren zur Anerkennung ausländischer Bildungsabschlüsse ausweitet und verbessert, war insoweit ein wichtiger Schritt. Entscheidend ist nun, dass alle Bundesländer auch zügig Gesetze für diejenigen Abschlüsse verabschieden, die auf Länderebene geregelt sind. Hier geht es z. B. um für die Fachkräftesicherung so wichtige Berufe wie den Ingenieur. Notwendig ist überdies eine Vereinheitlichung der Anerkennungsverfahren, um mehr Transparenz und Verlässlichkeit zu schaffen und die Verfahren insgesamt zu beschleunigen.

Nachwuchspotenziale durch Bildung und Qualifizierung entfalten

Neben der Fortsetzung der heute schon auf hohem Niveau durch die Unternehmen geleisteten Aus- und Weiterbildung (weit über 50 Mrd. € pro Jahr) sind tiefgreifende Reformen im Bildungssystem erforderlich – zur Sicherstellung der Ausbildungsreife von Jugendlichen, für eine Erhöhung der Zahl der Hochschulabsolventen insbesondere auch durch bessere Zugangsmöglichkeiten für beruflich Qualifizierte ohne Abitur, und für eine Stärkung der MINT-Bildung im gesamten Bildungssystem.

Mehr qualifizierte Zuwanderer gewinnen

Maßnahmen zur besseren Erschließung von inländischen Fachkräftepotenzialen wirken z. T. erst mit mehrjähriger Verzögerung. Sie allein sind zudem schon wegen der demografischen Entwicklung unzureichend, um die wachsenden Fachkräfteengpässe zu beheben. Notwendig ist daher, dass zeitgleich auch eine Willkommenskultur für ausländische Fachkräfte auf allen Ebenen etabliert wird und bürokratische Hemmnisse bei der Gewinnung von ausländischen Fachkräften beseitigt werden. Im Zuwanderungsrecht wurden auf Drängen der Wirtschaft mit der Umsetzung der Hochqualifizierten-Richtlinie (sog. EU Blue Card bzw. Blaue Karte EU), der Aussetzung der Vorrangprüfung für Mangelberufe und den neuen Zuwanderungsmöglichkeiten auch in nicht-akademischen Mangelberufen wichtige Änderungen vorgenommen. Dringend notwendig ist zudem eine Erleichterung und Vereinfachung des internationalen Personalaustausches durch Einführung einer „Blanket Petition“. Über die konkret arbeitsplatzbezogene Zuwanderung hinaus sollte mit Blick auf die demografische Entwicklung mittel- bis langfristig über eine Ausweitung der Potenzialzuwanderung nachgedacht werden.